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Denn Gott hat mich reifen lassen in dem Lande meiner Bedürftigkeit.
Nach 1. Mose 41,52
"Die fetten Jahre sind vorbei." So lautet der freche Film des jungen österreichischen Filmemachers Hans Weingartner, der in einer Momentaufnahme den Zustand unserer westeuropäischen Gesellschaft im Prozess der Globalisierung einfängt. Zwei junge Freunde, die das Anstößige einer Überflussgesellschaft inmitten einer Welt voller Armut umtreibt, brechen nachts in Villen ein, um dort das Mobiliar zu verrücken und auf den Kopf zu stellen. Sie nehmen nichts weg, sondern hinterlassen Botschaften wie „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld“.
Eine moderne Vision des Traums von den sieben fetten Kühen, denen magere folgen werden, wie ihn Joseph dem Pharao auslegte. Der Pharao träumte bekanntlich von 7 schönen, fetten Kühen, die am Nil weiden und von 7 hässlichen, mageren Kühen gefressen werden. Nur der Israelit Joseph konnte diesen Traum als eine Botschaft Gottes deuten.
Wie geht man eigentlich in magere Jahre hinein? Indem man Vorsorge trifft. Wenn viel wächst, wird viel gespeichert, „für schlechte Zeiten“.
Wie geht Joseph selbst in magere Zeiten hinein? Als oberster Verwalter dieses Vorsorgeprogramms braucht er sich doch keine Sorgen zu machen. Für ihn und seine Familie wird jedenfalls genug da sein. Seine Frau hat ihm zwei Söhne geboren. Und als er daran geht, Namen für die beiden zu finden, erinnert er sich beim ersten an Gottes Güte, die ihn bis an die Spitze der damaligen Gesellschaft gebracht hat: Manasse, „Gott hat mich vergessen lassen all mein Unglück“. Und beim zweiten Sohn macht er diese Güte Gottes zum Programm: Ephraim, „Gott hat mich reifen lassen im Lande meines Elends“. Hilft das etwas mit diesen Namen? Sie erinnern jedenfalls erst einmal an Gottes Güte. Ob der eine, Manasse, mehr nach hinten in die Vergangenheitsbewältigung gerichtet ist, und der andere mehr nach vorn, ist Auslegungssache.
Jedenfalls erinnern beide an die Güte Gottes und das vor der Hungerzeit, vor den mageren Jahren. Joseph kann sagen: „Hallo, Manasse, schön dass es dich gibt, immer wieder wenn die Schatten aus der Vergangenheit hochkommen, dann erinnerst du mich daran, dass Gott der ist, der vergessen lassen kann.“ Oder: „Hallo, Ephraim, schön, dass es dich gibt, ich hatte schon fast vergessen, dass es Gott sogar reifen lässt im Lande des Elends.“ Seine eigenen Kinder als Merkhilfen für die Treue und Güte Gottes!
Kinder als Merkhilfen für die Treue und Güte Gottes? Von Kindern werden Fragen aufgeworfen, die viele seit ihrer eigenen Kindheit nicht mehr fragen konnten oder wollten. Kinder fragen nach. Sie fragen nach dem, was hinter unseren Worten und Handlungen steht. Sie fragen nach dem, was wir glauben und worauf wir vertrauen. So wie Joseph sich und seine Söhne in das lange Band des Vertrauens in die Güte Gottes hineinbindet – nach Abraham, Isaak und Jakob, so stehen heute viele Menschen vor der Frage, welches ihr Band des Vertrauens ist oder sein kann. Woran glaube ich? Glauben lernen heißt: Sich festmachen oder festgemacht werden in einem Band des Vertrauens in die Güte Gottes. Ein Band, das mich erst einmal ganz nüchtern mit anderen Menschen verbindet, mit den Vätern, Müttern und mit den Kindern. Das wird beschrieben als das, was nötig ist, bevor die sieben mageren Jahre kommen. Kann man Geschichten wie die von Joseph den Menschen erzählen, um ihnen Mut zu machen, den Glauben weiterzugeben? Ist das nicht gefährlich, klingt das nicht gleich nach autoritärem Handeln? Aber muss es nicht doch ein Vorleben geben? Man kann nicht nur vom Beten erzählen; man muss den Leuten vorbeten und muss mit ihnen beten. Was bleiben wir unseren Kindern schuldig, wenn wir sie nur informieren, ihnen aber nicht vorleben, woran wir uns halten und wo wir uns festmachen, wenn es ernst wird? Wenn wir ihnen vorenthalten, was uns Kraft gibt und Stütze ist, wenn der Hunger und die mageren Jahre kommen? Wir müssen unseren Kindern sagen, wo wir uns festmachen. Überzeugungen bilden sich nicht im Niemandsland der Gleich-Gültigkeit. Wo alles gleichgültig ist, bilden sich keine Überzeugungen.
Aber wie macht man sich an der Treue Gottes fest? Wie bindet man sich da ein, oder wie lässt man sich einbinden? Einer, der uns das wirklich vorgemacht hat, war Martin Luther. Er erschreckt mich immer wieder durch seine derbe Sprache und gleichzeitig fasziniert mich, mit welchem Glaubensmut er auch durch düstere Situationen gegangen ist. "Mir ist es bisher wegen angeborener Bosheit und Schwachheit unmöglich gewesen, den Forderungen Gottes zu genügen. Wenn ich nicht glauben darf, daß Gott mir um Christi willen dies täglich beweinte Zurückbleiben vergebe, so ist’s mit mir aus. Ich muß verzweifeln. Aber das laß’ ich bleiben. Wie Judas an den Baum hängen, das tue ich nicht. Ich häng’ mich an den Hals oder Fuß Christi wie die Sünderin, ob ich auch noch schlechter bin als diese. Ich halte meinen Herrn fest. Dann spricht er zum Vater: Dieses Anhängsel muß auch durch. Es hat zwar nichts gehalten und alle deine Gebote übertreten, Vater; aber er hängt sich nun mal an mich. Was will’s? Ich starb für ihn. Laß’ in durchschlupfen! Das soll mein Glaube sein." |