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Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm. Der HERR lässt sein Heil kundwerden; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!
Psalm 98, 1-4
Haben wir wirklich allen Grund, zu singen? Ist es nicht vielmehr so, dass wir nur zu gut sehen, dass es eben kein Heil und keine Gerechtigkeit auf dieser Welt und unter den Völkern gibt?
Hat der Pfarrerssohn und Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) recht mit seinem Vorwurf?
Bessere Lieder müßten sie mir singen, daß ich an ihren Erlöser glauben lerne. Erlöster müßten mir seine Jünger aussehen.
Zarathustra II, Von den Priestern
Ob persönliches Leid oder Hiobsbotschaften aus aller Welt, bis hin zu Sparmaßnahmen, die uns betroffen machen, uns beunruhigen - es fällt schwer, ein neues Lied anzustimmen. Dabei sind es gerade die Lieder, die in schweren Zeiten Trost und Hoffnung geben - eine Tür öffnen, wenn auch nur einen Spalt breit. Ein Strahl der Ewigkeit dringt hindurch in diese Welt der Vergänglichkeit und des Leides. Das Leben ist mehr als was vor Augen ist, mehr als Leid, Scheitern und Zerbrechen... Darum haben Lieder, besonders Lieder der Hoffnung, so einen tiefen Sinn.
Wir können nicht leben ohne Hoffnung. Und diese Hoffnung können wir ausdrücken, indem wir ein neues Lied singen, ein Lied, das uns neu sein darf – immer wieder, dass wir aber nicht neu erfinden müssen, das schon andere gesungen haben vor uns und auch noch singen werden in Zukunft.
Ein neues Lied singen heißt: sich immer wieder in die vielseitigen Herausforderungen des Lebens hineinnehmen lassen, auf die Melodie, den Rhythmus der verschiedenen Lebenssituationen achten und die eigene Stimme miteinbringen - leicht, freudig, klagend oder getragen und wenn nötig schrill nach Aufmerksamkeit verlangend, gewaltig oder zart.
Das neue Lied will die leidvollen Erfahrungen in unserem Leben also nicht übertönen, auch nicht in Einklang bringen mit unseren vielfältigen und zuweilen dissonanten Lebensmelodien oder Missklängen. Das neue Lied der Hoffnung nimmt aber den traurigen und bedrängenden Melodien ihre letzte Mächtigkeit. Es setzt ihnen eine Grenze und lässt schon ein wenig hineinhören in jenen "höhern Chor" der von der Überwindung allen Leides weiß.
Verleih mir, Höchster, solche Güte, so wird gewiß mein Singen recht getan; so klingt es schön in meinem Liede, und ich bet dich im Geist und Wahrheit an; so hebt dein Geist mein Herz zu dir empor, daß ich dir Psalmen sing im höhern Chor.
Dir, dir, o Höchster will ich singen (1695), Evangelisches Gesangbuch 328, 3
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